Lenas Zeit in Holland!

„Wo machst du eigentlich dein Pflichtpraktikum?“ – Eine Frage, die in mir im Herbst 2024 noch Unbehagen geschaffen hat. Ich war in der 3. Klasse HLW Mediendesign, in den BBS-Rohrbach. Dementsprechend musste ich ab den vorgezogenen Sommerferien ein dreimonatiges Pflichtpraktikum im Bereich der Gastronomie/Hotellerie oder in einem Büro absolvieren. Schnell wurde die Gastronomie zu meiner Präferenz – ich kellnere neben der Schule bereits seit Jahren.

Nach einer Präsentation einer Schülerin aus meiner Schule wurde ich auf den Ort Cadzand-Bad in der niederländischen Provinz Zeeland aufmerksam. Der kleine, ruhige Küstenort wurde von ihr hochgelobt. Außerdem lernte ich seit April 2022 die niederländische Sprache und habe mich schon lange davor in dieses wunderschöne Land verliebt. So hat es sich im Dezember 2024 ergeben, dass ich doch tatsächlich auf Google Maps dort etwas schmökerte und auf das „Hotel Noordzee“ gestoßen bin.

Nun gab es für mich eine Herausforderung: das Kennenlernen sollte über einen Videoanruf erfolgen. Anfangs habe ich den Gedanken, dieses Gespräch durchzuführen, wieder verworfen. Erst mit der Ermutigung einer vertrauten Person habe ich es dann geschafft. So wurden finale E-Mails verfasst und Informationen ausgetauscht. Ich erhielt darauf meinen offiziell genehmigten Arbeits- und Erasmus+vertrag.

So verging das nächste halbe Jahr. Natürlich war es für mich völlig absurd zu denken, dass ich am 19. Juni bereits in den 1.000 Kilometer weit entfernten Ort reisen werde, an dem ich für ganze drei Monate von meinem routinierten Alltag und meiner gesamten Familie in Oberösterreich nur träumen könnte. Es war klar, dass ich allein, in einem fremden Land, viel Selbstständigkeit und Mut brauchte. Glücklicherweise habe ich all das, außerdem hielt mich meine Liebe zum Reisen auf Lust und Laune.

Am Abend des 19. Juni 2025 setzte ich mich dann in Linz in den Nightjet-Zug. Begleitet von einer weiteren Praktikantin, mit der ich vorher schon durch das Hotel Kontakt aufnehmen konnte, fuhren wir dann 14 Stunden nach Belgien. Von dort aus haben wir den Regionalzug nach Knokke (Belgien) genommen und wurden vor Ort von der Besitzerin des Hotels abgeholt. Nur knapp über der Grenze, im tiefen Süden der Niederlande, liegt der Küstenort Cadzand-Bad direkt an der riesigen Nordsee. Wohnen durfte ich in dem Zimmer 508 im selben Gebäude. Dieses Apartment mit vier Schlafzimmern, drei Bädern, zwei Balkonen mit 180° Blick auf die Nordsee und einem enormen Wohn- und Essbereich war von nun an mein Zuhause. Selten war ich so dankbar gewesen für so eine unglaubliche Option. Den restlichen Tag wurden wir noch freigestellt, aber ab dem 21. Juni hat der Spaß dann richtig begonnen.

Im Laufe der Wochen sind noch weitere österreichische Praktikantinnen dazugestoßen. Zwegs Verpflegung – wir wurden 24/7 im Anwesen mit Essen versorgt. Aufgrund meiner Liebe zum Kochen konnte ich aber nicht widerstehen, auch selbst einzukaufen und gegebener Masen selbst zu Kochen. Meine vegane Ernährung war aber kein Hindernis für die ausgezeichneten Köche – mit Hingabe zauberten sie mir täglich ein nährstoffreiches Abendessen wenn ich darum gebeten habe. Unser Dienstplan wurde ein bis zwei Woche im Voraus für uns veröffentlicht. Meine Dienste sind die folgenden gewesen: Bar, Essen servieren oder Frühstück.

Am allerliebsten mochte ich das Arbeiten als Bartenderin. Angefangen haben diese Zeiten entweder um 12, 14, 16 oder 18 Uhr, jeweils bis 22 Uhr. Ich habe die Bestellung in Echtzeit geschickt bekommen, durfte die verschiedensten Getränke mit Freude zubereiten und den Gäst:innen servieren.

Essen zu servieren war ebenfalls lustig, nur nicht die unglaublich heißen Teller und die hohen Temperaturen in der Küche im Hochsommer. Die Dienstbeginne haben sich mit den Bardiensten abgeglichen. Am wenigsten hat mir der Frühstücksdienst gefallen. Trotz meines Frühaufsteher Genes konnte ich morgens oft nicht dieselbe Power bieten, die ich im Abendservice gezeigt habe. Außerdem ist der Kontakt zu Menschen während den Buffetzeiten tatsächlich viel intensiver und somit auch anspruchsvoller zu bewältigen.

Nur, egal ob eine Schicht voll Freude, Wut oder Anstrengung geprägt war – wenn mir etwas immer geholfen hat, dann meine Kolleg:innen. Ich hätte mir nie ein besseres, hilfsbereiteres Team vorstellen können. Angefangen bei meiner großartigen Vorgesetzten, über das Frühstücks Team, den Köchen in der Küchen, den lieben Rezeptionistinnen und Reinigungskräften, abgeschlossen mit allen Servicemitarbeiter:innen. Diese Menschen haben mir in diesen drei Monaten nicht nur mit voller Unterstützung und Geduld beigebracht, wie man die harte Arbeit rund um die Uhr in einem gut besuchten Familienhotel meistert, sondern auch zahlreiche Lebensweisheiten und Erzählungen, die ich mir bis heute ans Herz nehme.

Zugegeben, wenn ich hier aufhören würde, wäre es bereits jetzt schon eine wunderschöne Erfahrung gewesen. Das war aber noch lange nicht alles. Jede Woche wurde ich zwei Tage freigestellt. Nur, wie verbringt man als Jugendliche, abenteuerlustige Person seine Freizeit in einem abgeschottetem kleinen Küstenort, wo es kaum Aktivitäten gibt außer Schwimmen, Radfahren und Spazieren? Richtig, man vereist.

Ich habe die Chance genutzt und die Niederlande und Belgien einmal genauer unter die Lupe genommen. Innerhalb eines Sommers habe ich 16 verschiedene Städte bereist, manche sogar öfter, und habe jeweils eine Nacht dort in einem Hostel verbracht. Man kann kaum fassen, was ich alles sehen durfte. Sehenswürdigkeiten, Natur, Architektur, Menschen, Kultur, Essen – so viele Eindrücke sammeln manche ihr gesamtes Leben nicht. Und alles, was ich benötigt habe, war ein Zug- oder Busticket, einen Rucksack, Google Maps und ganz viel Selbstbewusstsein. Rückblickend habe ich keine großartig schlechte Erfahrung gemacht, zum Glück sind die schönen Momente hängen geblieben. Meine liebste Stadt ist auf jeden Fall Den Haag. Die habe musste ich selbstverständlich öfter besuchen.

Mein Sprachprofil hat sich grandios erweitert. Im Kollegium waren wir Menschen aus aller Welt, dementsprechend war Englisch hier die beste Lösung. Nur mit den Praktikantinnen konnte ich meinen gewohnten österreichischen Dialekt beibehalten. Mit den Gäst:innen konnte ich auf Deutsch, Englisch und Niederländisch kommunizieren.

Mitte August bin ich tatsächlich auch so mutig gewesen, mir mein erstes Tattoo stechen zu lassen. Das Motiv habe ich mit einem Schnappschuss und einer Kritzelei rundherum selbst entworfen. An meinem rechten Oberarm zu sehen ist nun der Turm des „Hotel Noordzee“, eingefangen in einer Briefmarke die „Nederland, 2025“ liest. Als ich es meinen Kolleg:innen gezeigt habe, überwiegte die Freude schlussendlich dann dem Schock. Anscheinend bin ich nun die erste mit einer Tätowierung eines über 100 Jahre altem Gebäude!

Die Heimfahrt Ende September war ziemlich emotional für mich. Plötzlich habe ich meine neue, zweite Familie wieder verlassen müssen. Die Trauer war groß, aber nicht von allzu langer Dauer. Am 26. Dezember bis Anfang Jänner 2026 habe ich dort erneut während der stressigen Neujahrszeit ausgeholfen. Ach, war das schön! Alle wiederzusehen hat richtig gut getan.

Ich empfehle jeder und jedem, eine Arbeitserfahrung im Ausland zu bewältigen. Man kann sich wirklich nicht vorstellen, wie viel neues man lernt. Die komplett neue Umgebung, Kultur und die neuen Menschen beweisen dir, dass es wundervoll sein kann, über seinen eigenen Schatten zu springen. Du denkst es ist surreal, Ländergrenzen zu überqueren, lange von Zuhause weg zu sein und plötzlich völlig selbstständig sein zu müssen? Habe ich auch. Dann habe ich es einfach gemacht. Und ich würde es immer, und immer, und immer wieder tun.